Leben mit persönlicher Assistenz

Leben mit persönlicher Assistenz
Vermutlich Leben Sie selbstständig. Sie stehen morgens alleine auf, gehen ohne fremde Hilfe duschen und ziehen sich an. Sie gestalten Ihren Alltag nach Ihren Vorstellungen und Bedürfnissen. Können Sie sich vorstellen, auf diese Selbstständigkeit zu verzichten? Vermutlich nicht, doch viele Menschen mit Behinderungen können diese vermeintlich einfachen alltäglichen Dinge nicht einfach machen. Möglicherweise leben diese Menschen bei ihren Angehörigen oder in einem Pflegeheim und müssen Ihre Bedürfnisse dem Ablaufplan anderer unterordnen. Sie können nicht einfach in den nächsten Supermarkt gehen, um sich etwas zu essen zu kaufen, sondern müssen jemanden bitten ihn zu begleiten. Glücklicherweise gibt es in Deutschland eine lebenswerte Alternative, die sich persönliche Assistenz nennt.
Die Besonderheit liegt darin, dass die Entscheidungsgewalt über Ihr Leben vollständig in Ihren Händen verbleibt. Es geht somit nicht um Ihre "Betreuung", sondern um die Verwirklichung eines selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebens. Darüber hinaus ist die Inanspruchnahme von persönlicher Assistenz nicht an einen festen Ort gebunden – sie erfolgt zuhause oder unterwegs, in der Freizeit oder im Beruf/Studium, im Alltag oder im Urlaub. Sie bestimmen selbst!
Sie verfügen über ein eigenes Team von frei ausgewählten Mitarbeitern. Die Zeiträume, in denen diese bei Ihnen arbeiten, bestimmen Sie selbst bzw. sind abhängig von Ihrem Hilfebedarf (z.B. 12h oder 24h). In dieser Zeit sind Ihre Assistenten nur für sie da. Gemäß Ihren ganz persönlichen Vorstellungen und entsprechend Ihrer Anleitung übernehmen sie alle Tätigkeiten, die von Ihnen aufgrund Ihrer körperlichen Einschränkung nicht selbst ausgeführt werden können. Dies umfasst z.B. pflegerische Tätigkeiten, Aufgaben im Haushalt, Hilfeleistungen im Beruf/Studium oder die Begleitung in der Freizeit.
Das Leben mit persönlicher Assistenz bedeutet aber auch, mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert zu sein. Hilfeleistungen können nicht einfach konsumiert, sondern müssen aktiv gestaltet werden. Sie geben genaue Anweisungen für die Aufgabenerfüllung, planen Ihren Hilfebedarf selbst, moderieren Konflikte im Team oder müssen persönliche Grenzen Ihrer Assistenten erkennen und respektieren. Dabei haben Sie mit sehr unterschiedlichen Personen Kontakt und geben viel Privatheit preis.
Ich selbst lebe seit 2007 mit persönlicher Assistenz in meiner eigenen Wohnung. Selbst mein Wohnortwechsel von Mainz nach Mannheim konnte so problemlos gemeistert werden. Durch den 24-Stunden Pflegedienst Media Vita werde ich rund um die Uhr von meinen Mitarbeitern unterstützt. Diese arbeiten entweder als Werkstudenten, auf Mini-Job Basis oder als Festangestellte in Vollzeit.
Ein Leben in einem Heim konnte ich mir nie wirklich vorstellen und immer bei den Eltern zu wohnen war keine Alternative. Sie haben mich mein ganzes Leben unterstützt und vieles für mich aufgegeben, wofür ich ihnen unendlich dankbar bin. Nicht nur ich, sondern auch sie haben es nach einer so langen Zeit des Pflegens verdient, abgesehen von der physischen Grenzbelastung, ihr eigenes Leben wieder nach ihren Wünschen gestalten zu können.
Doch wer trägt die Kosten für die persönliche Assistenz? Grundsätzlich kommen verschiedene Kostenträger in Frage, wie z.B. die Pflegeversicherung, die Krankenkasse oder das Sozialamt. Die
Kosten verteilen sich in der Regel auf verschiedene Kostenträger. Da sich die Pflegedienste bei der Finanzierung der Assistenz sehr gut auskennen, sollten Sie sich dort beraten lassen.
Grundsätzlich bringt das Leben mit persönlicher Assistenz aber auch ein paar negative Aspekte mit sich. Gerade beim Kennenlernen und Einarbeiten von neuen Mitarbeitern muss man viel Vertrauen mitbringen. Man lässt diese zunächst unvertrauten Menschen in seine Wohnung und intime pflegerische Tätigkeiten an sich ausführen. Gerade in der Anfangszeit kann damit ein gewisses Unbehagen einhergehen.
Wenn Sie sich für das Modell der persönlichen Assistenz entscheiden, beziehen Sie vermutlich zur Finanzierung staatliche Leistungen, wodurch Sie für die Ämter eine Art „Gläserner Mensch“ werden. Sie müssen ihr gesamtes Vermögen offenlegen und dürfen nicht mehr besitzen, als es die Gesetze zulassen. Zudem müssen Sie sich an den Kosten der Assistenz im Rahmen Ihrer finanziellen Möglichkeiten beteiligen.
Nichtsdestotrotz ist es eine tolle Sache, als körperlich schwerstbehinderter Mensch die Möglichkeit zu haben ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Andere nicht um Gefälligkeiten bitten zu müssen und selbst Entscheidungen zu treffen, haben mein Leben bereichert. Dinge, die vielleicht für Sie völlig normal sind, sind es heute für mich auch!
Mit den besten Grüßen
Jörg Diehl